Interkulturelle Missverständnisse

„Wie viel ist zwei plus zwei?“ wird Goha gefragt. „Kommt drauf an! Kaufst du oder verkaufst du?“
(Arabischer Witz)

Dieser Witz spielt natürlich auf das „Verhandlungsgen“ vieler Vertreter der arabischen Welt an,
allerdings habe ich ihn ausgesucht, weil er eine wichtige interkulturelle Fähigkeit ausdrückt:
den Perspektivenwechsel.

Sie kennen vermutlich Ihre eigene Komfortzone und diese ist sicher, vertraut und irgendwie angenehm, oder?
Interkulturelles Lernen wird allerdings sehr durch etwas Fremdes beeinflusst und sieht vor, dass wir Situationen, Dinge und Menschen aus einer anderen Perspektive beobachten und somit neu wahrnehmen.

Als fünfzehnjährige Schülerin wollte ich mal raus. Das Nest im behüteten Osnabrück verlassen, Abstand zu meinen Eltern generieren und das Gymnasium war irgendwie langweilig… Fremdsprachen gefielen mir gut, also wollte ich mein Englisch perfektionieren! In den Neunzigern waren die USA das Land wohin die meisten Schüler wollten, wenn sie im Idealfall die elfte Klasse aussetzten, um in ein fernes Land einzutauchen. Mir persönlich war die Aussicht irgendwo in den USA zu landen nicht recht. Ich wollte was erleben! Am besten in einer Großstadt, wo ich Land und Leute mit all ihren Facetten kennenlernen konnte.

Da kam Südafrika mehr und mehr ins Gespräch. Ein Land voller Widersprüche. Mit einem aus meiner Perspektive schrecklichen Teil Geschichte, ähnlich wir in Deutschland…nur anders: Die Apartheid. Präsident de Klerk hatte im Juni 1991 die Gesetze zur Aufrechterhaltung für ungültig erklärt. Es ging hauptsächlich darum, Rassen zu kategorisieren und strikt zu trennen. Die „Whites“, „Blacks“, „Coloureds“ und später kamen noch die „Asians“ hinzu. Diese Gesetze schrieben den einzelnen Rassen genau vor oder erlaubten ihnen, je nachdem welcher Rasse man angehörte änderte sich natürlich die Perspektive auf die Rechte, wo sie leben und wen sie heiraten durften, welche Schule sie besuchen durften oder welchen Job sie ausüben konnten und vieles mehr. Im April 1994 gab es die ersten freien Wahlen, aus denen, der ANC und Nelson Mandela (ein Mann der den „Blacks“ angehörte) als Sieger hervorging und Präsident von Südafrika wurde.

Ich landete im August 1995 in Johannesburg. Mein Zielort war Kapstadt. Wohnte bei einer britisch-südafrikanischen Künstlerfamilie, die einen sehr individuellen Lebensstil hatte. Ich hatte es gut. Dort ging ich auf eine katholische Privatschule in Rondebosch, wo wir auch wohnten, das Universitätsviertel der Stadt. Ein belebtes Viertel mit vielen Geschäften an der „Main Road“ und schönen Mehr- und Einfamilienhäusern.

Das schulische Umfeld war sowohl von den Lehrkräften als auch den Schülern „bunt“ gemischt. Dort hatte ich nicht das Gefühl in einem Land zu sein, dass gerade angefangen hatte seine Ges-chichte zu verdauen. Alle Schüler in Uniformen, geprägt vom Britischen System sahen wir alle gleich aus. Das gefiel mir. Optisch hatten wir alle die gleiche Perspektive. Manche Schüler kamen regelmäßig zu spät zum Unterricht. Aus Deutschland war ich es gewohnt, dass Lehrer Maßnahmen ergriffen und mindestens Eltern einberufen wurden, wenn es solche Unregelmäßigkeiten gab. Hier war das nicht der Fall. Gab es hier an der Schule keine Regel für so etwas? War das Thema Zeit nicht so wichtig? Oder gab es einen anderen Grund? Die Schüler die zu spät kamen, wohnten meist weit weg. Hatten oft eine Anreise von einer Stunde oder mehr. Nicht alle Schüler wurden von ihren Eltern mit dem Auto gebracht oder hatten einen kurzen Schulweg, wie ich. In dem von mir erlebten Südafrika gab es andere Regeln und ein Einverständnis über gewisse Vorgänge, auch wenn sie regelmäßig vorkamen.

Stellen wir uns dieses Thema mal in einer beruflichen Situation vor.
Was hätten Sie als deutscher Vorgesetzter in Südafrika gemacht, wenn einer Ihrer Mitarbeiter regelmäßig zu spät zur Arbeit oder zu Meetings erschienen wäre? Öffentliche Verkehrsmittel sind in Südafrika, je nachdem wo man wohnt und wohin man will, eine Herausforderung. Oft muss man von Kleinbus zu Kleinbus wechseln und Züge sind nicht zu allen Tageszeiten sicher. Außerdem gibt es in vielen Fällen keine zuverlässigen Zeitpläne für öffentliche Verkehrsmittel. Meine erste Erfahrung mit der Bahn von Rondebosch nach Cape Town ins Zentrum zu fahren war ungewöhnlich. Ich kaufte eine Fahrkarte und stand am Gleis. Wie selbstverständlich suchte ich im Zug die 2. Klasse. Es gab keine. Nur die erste und die dritte Klasse. Das war im Jahr 1995. Danach fuhr ich nur noch mit dem Minibus…

Wo Menschen wohnen, spielt eine Rolle. Der Status, den eine Person in einem Land oder gegenüber einer anderen Person hat, ist nicht unerheblich. Auch die allgemeine Sicherheit ist ein Faktor, der nicht zu vernachlässigen ist. Die systemischen Zusammenhänge und Strukturen in denen Menschen leben, lassen viel Raum für interkulturelle Missverständnisse.

Sein Sie ehrlich, hätten Sie geahnt das es einfach an der Unzulänglichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel liegen könnte? Und an dem „falschen“ Wohnort einer Person? Dinge, die wir aus unserer Perspektive betrachten und beurteilen können wir nicht als selbstverständlich erachten.

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